Heimliche Affaire

Heimliche Affäre – Balanceakt zwischen Lust und Herzschmerz

Wären Romeo und Julia sich im Web 2.0 Zeitalter begegnet, hätte es womöglich statt Drama und Selbstmord ein schönes Happy End gegeben.

Noch nie war es so unproblematisch wie heute, eine heimliche Affäre, eine offene Beziehung oder ein Liebesleben in einem polyamoren Netzwerk zu führen. Virtuelle Communitys, Seitensprung-Agenturen, Sexforen und Portale für erotische Kontakte verzeichnen mehrere tausend Neuanmeldungen täglich. Zweitbeziehungen, Sex-Affären und offene Liebesbeziehungen sind keine exotischen Randerscheinungen einer vermeintlich übersexualisierten Gesellschaft mehr, sondern Ausdruck eine Lebensgefühls. 

Nebenbeziehungen und Daueraffären – ein neuer Trend?

Die Zeiten haben sich geändert. Sexuelles Selbstbewusstsein und offene Gespräche über Bedürfnisse gehören zum Alltag. Wir leben, was wir fühlen, und wir lieben, wen wir wollen. Wir reden darüber, statt schamhaft zu schweigen. Wir haben damit begonnen, althergebrachte gesellschaftliche Zwänge zu hinterfragen und, falls nötig, mit ihnen zu brechen. Natürlich ohne dabei unsere Überzeugungen und Werte mit Füßen zu treten. Eigentlich eine feine Sache, die zu einem glücklichen Leben beitragen kann. 

Einziger Schönheitsfehler, der nicht so ganz zu dieser Entwicklung passen will: Die meisten Affären laufen noch immer heimlich ab. Leider? Oder muss das so sein? Woher rührt das enorme Sprengpotenzial dieser »verbotenen« Verbindung?

Warum stürzen wir uns in heimliche Affären?

»Schatz, das hat nichts mit dir zu tun, es ist doch nur Sex« ist die wohl beliebteste Erklärung, die ertappte Fremdgänger nennen, wenn sie versuchen, eine heimliche Affäre oder Parallelbeziehung zu rechtfertigen. 

Auch wenn in der Küchentischpsychologie gerne das Gegenteil behauptet wird: In eine Affäre stürzt sich niemand, weil er mehr Sex braucht. Sondern weil bestimmte Bedürfnisse nicht oder unzureichend ausgelebt werden – und weil das große Drama im Leben zu kurz kommt. Insofern stimmt der erste Teil der Aussage »es hat nichts mit dir zu tun«. Denn für die Erfüllung ureigenster Bedürfnisse ist nicht ein Partner verantwortlich, sondern wir allein. Erst wenn diese Bedürfnisse als Defizit formuliert werden, ist auch der Partner involviert und an einer eventuellen Lösung beteiligt. Vorher nicht.

Natürlich kann eines dieser Bedürfnisse Sex sein. Dann wäre jedoch eine Affäre aufgrund ihrer emotionalen Brisanz keine erstrebenswerte Lösung. Sexuelle Defizite ließen sich bedeutend stressfreier durch Sexkontakte in Casual Sex Foren oder mit klassischen One-Night-Stands stillen. Ohne emotionale Bindungen, ohne die Gefahr, dass aus dem Sexkontakt schleichend eine Quasi-Beziehung wird. 

Diese unkomplizierten Varianten sind jedoch für Affärenmänner und -frauen meist indiskutabel. Weil es eben nicht »nur« um Sex geht. Auch bei der lockersten Sexaffäre nicht. 

Wir Menschen sind so konstruiert, dass wir uns nur selten zugestehen, unsere Sehnsüchte wahrzunehmen, sie zu formulieren und dafür zu sorgen, dass sie erfüllt werden können. Weil dies mit Konfrontationen verbunden ist und Rückgrat erfordert, gehen wir den bequemeren Weg, unterdrücken oder verdrängen die Defizite und befriedigen unsere hungrige Seele mit Stellvertreter-Aktionen. Diese können schädliche Strukturen annehmen, z.B. bei Drogen- oder Konsumsucht. Auch streitsüchtiges Verhalten, übertriebene Arbeitswut bis zum Zusammenbruch und exzessives Feiern am Wochenende sind typische Stellvertreter. Es geht dabei nicht um die Droge, den gekauften Artikel, die Arbeit oder Freude an Partys. All das dient lediglich dazu, sich wieder spüren zu können. 

Von allen Stellvertreter-Aktionen ist Sex die Nr. 1. Innerhalb einer heimlichen Affäre gelebt, erfüllt er diese Funktion perfekt. Neben dem (vermeintlich) rauschhaften Sex befriedigt eine Affäre noch weitere Bedürfnisse. Sie übertüncht schwelende Konflikte, die nicht thematisiert, geschweige denn gelöst werden, sondern im Hintergrund mitlaufen. Fehlende Abwechslung im Beziehungsleben, Gleichförmigkeit im Alltag, Einsamkeit trotz großem Bekanntenkreis. Sie stillt die Sehnsucht nach großen Gefühlen, Sehnsucht nach dem Kribbeln einer neuen Begegnung, aus der allmählich mehr wird. Eroberungslust. Jagdtrieb. Außerdem lässt sich aus einer Affäre viel Egopolitur, Aufmerksamkeit und Selbstbestätigung gewinnen. 

All das ist weder verabscheuungswürdig noch krank, sondern zutiefst menschlich. Schwierig wird es erst, wenn sich die Affäre verselbstständigt und zum Problem wird. 

6 Spielregeln und Fallstricke einer Affäre

Betrachtet man das Phänomen Affäre unabhängig von moralischen Kriterien, bleiben einige essentielle Stichworte übrig, mit denen Sie sich beschäftigen sollten, wenn Sie mit dem Gedanken spielen, sich auf eine heimliche Parallelbeziehung einzulassen.

  1. Ersatzbeziehung: Eine Affäre ist ein schöner Traum. Ein privates Glück, abseits von Alltag und Realität. Verwechseln Sie dieses Glücksgefühl nicht mit einer Liebesbeziehung, auch wenn die Schmetterlinge flattern wie verrückt. Nur aus jeder zehnten Affäre wird später eine Beziehung und von denen halten nur knapp 50 Prozent länger als ein Jahr. Machen Sie sich bewusst, dass eine Affäre weder ein Ersatz für eine vollwertige Beziehung ist, noch eine Basis, auf der sich eine Partnerschaft aufbauen lässt. Viele Affären taugen aufgrund der damit verbundenen Heimlichkeit, Schauspielerei und Lügen nicht einmal als Freundschaft. 
  2. Freundschaft: Machen Sie nicht den Fehler, sich auf eine Affäre mit Ihrem besten Freund einzulassen! Ja, es kann passieren, dass sich mit einem guten Freund mehr entwickelt als vertrauensvolle Gespräche und Spaß. Meist geschieht so etwas ungeplant. Die Vertrauensbasis, welche eine Freundschaft prägt, sowie das gegenseitige Wissen über intime Geheimnisse und Charaktereigenschaften, so etwas verbindet. Wenn es in dieser vertrauensvollen Atmosphäre zu Sex kommt, kann das wunderschön sein ? und viel emotionaler als bei einem One-Night-Stand. Wenn es passiert ist: Freuen Sie sich, schweigen Sie darüber und lassen Sie nicht zu, dass es sich wiederholt. Sexpartner sind austauschbar. Freunde nicht. Mit ehemaligen Affären befreundet zu bleiben ist ebenso sinnlos ? es sei denn, Sie wollen den Kontakt »warmhalten« für gelegentliche Sex-Treffen.
  3. Hoffnungen: So paradox es klingt: Seien Sie Ihrer Affäre gegenüber unbedingt ehrlich, was Ihre Zukunftspläne angeht. Ganz besonders, wenn Sie verheiratet sind, Ihr Affärenpartner aber ungebunden ist und mehr will als nur eine heimliche Sexbeziehung. Nichts ist schmerzhafter und erniedrigender, als ständig mit Andeutungen hingehalten zu werden, ohne dass Taten folgen. Verzichten Sie auf romantischen Sülz. Sagen Sie glasklar, ob Sie über eine Scheidung nachdenken und sich eine neue Beziehung mit Ihrer Affäre wünschen oder die Verbindung ein vorübergehendes, heimliches Vergnügen bleiben soll. Wenn Sie nicht wissen, warum das für Sie und Ihre Familie lebenswichtig sein kann, schauen Sie sich spaßeshalber noch einmal »Fatal Attraction« mit Glenn Close und Michael Douglas an ...
  4. Liebe: Sie sind gebunden und haben sich fremdverliebt? Sie möchten sich nicht von Ihrem Hauptpartner trennen, aber auch nicht auf das heimliche Kribbeln mit Ihrem neuen Herzblatt verzichten? Mit diesem Wunsch sind Sie nicht allein. Geschätzte 3 Millionen Affären finden in diesem Augenblick in Deutschland statt und die meisten davon heimlich. Trotzdem gibt es kein Patentrezept, wie sich dieser Spagat möglichst schmerzfrei bewältigen lässt. Ja, so eine Konstellation ist lebbar ? aber Sie werden dafür einen hohen Preis bezahlen. Sie werden rauschhaften Sex, emotionale Abstürze, monströse Schuldgefühle und tiefste Verzweiflung erleben und sich am Ende einer schmerzhaften Trennung stellen müssen. Entweder der von Ihrem Affärenpartner oder der von Ihrem Beziehungspartner. Denn auf Dauer geht eine Beziehung zu Dritt nur mit Offenheit gut. Wenn Ihnen tatsächlich beide Menschen so wichtig sind, dann legen Sie die Karten auf den Tisch. 
  5. Soziales Umfeld: Wenn ein Paar sich trennt, teilt sich der gemeinsame Freundeskreis ist drei Lager auf: das der Frau, das des Mannes und das, welches mit beiden nichts mehr zu tun haben will. Nicht schön, aber relativ unkompliziert. Im Umfeld einer heimlichen Affäre ist das viel problematischer. Weil gemeinsame Freunde nicht mehr nur Freunde sind, sondern Mitwisser, die sich im schlimmsten Falle auch noch mit der Gewissensfrage auseinandersetzen müssen: schweigen oder reden? Dem betrogenen Partner gegenüber loyal sein und erzählen, dass man das heimliche Paar getroffen hat? Oder aus Solidarität zum Fremdgänger schweigen? Ersparen Sie Ihren Freunden und Bekannten bitte diese moralische Zwickmühle. Führen Sie Ihre Affäre keinesfalls in Ihr privates soziales Umfeld ein, sondern bleiben Sie diskret. Treffen Sie sich dort, wo Sie keiner kennt. Suchen Sie sich verschwiegene romantische Hotels in fremden Städten. Es gibt viele Möglichkeiten, diese Kribbelromanze zu leben, ohne unfreiwillige Zeugen. Und kommen Sie nicht in Versuchung, Ihre Freunde als Alibi zu missbrauchen. Solche pikanten Geheimnisse können noch Jahre später gefährlich für Sie werden, wenn sie an der falschen Stelle enthüllt werden.
  6. Gesundheit: Wie schön wäre es, diesen Punkt unter »Selbstverständlichkeiten« abhandeln zu können. Doch leider ist es gegenwärtig für sexuell aktive Menschen noch immer keine Sebstverständlichkeit, Kondome in der Tasche zu haben, auf Hygiene zu achten und sich regelmäßig beim Arzt durchchecken zu lassen. Weshalb sich jedes Jahr über 3.000 Menschen in Deutschland beim ungeschützten Geschlechtsverkehr mit Syphilis anstecken und diese Krankheit anschließend bei jedem Sexkontakt weiter verbreiten können. Ebenso sind Ansteckungen mit Gonorrhö, venerischer Lymphknotenentzündung, Hepatitis B, Chlamydien oder Pilzinfektionen möglich. Von HIV ganz zu schweigen. Wenn Sie eine Affäre haben, verzichten Sie also bitte darauf, Körperflüssigkeiten auszutauschen. Oder wollen Sie Ihren Partner zuhause in Lebensgefahr bringen?

Das dunkle Geheimnis mit Sprengkraft

Sie merken es bereits: Das Thema Heimlichkeit ist der Punkt, um den sich alles bei einer Affäre dreht. Die Heimlichkeit ist es auch, die aus dem sinnlichen Vergnügen eine zerstörerische Kraft in Ihrem Leben machen kann.

So geben über 80 Prozent aller Frauen, die rückwirkend von einer langen Affäre ihres Mannes erfahren an, dass nicht der sexuelle Betrug das Problem sei, sondern das Gefühl, ihrem Partner niemals mehr vertrauen zu können. Verständlich: Wer über Monate oder gar Jahre hinweg belogen wird, bei vorsichtigen Nachfragen vielleicht sogar mit ausgebufften Lügen beschwichtigt wird, nur um später festzustellen, dass das Bauchgefühl doch die ganze Zeit richtig war, der verliert vorübergehend alles. Sein Selbstwertgefühl, seine Würde, seinen Seelenfrieden und den Glauben an die Menschheit. Mit dem ausgefuchsten Lügenkonstrukt einer Affäre konfrontiert zu werden, kann auch selbstsichere Zeitgenossen nachhaltig verstören! 

Um Missverständnisse zu vermeiden: Das soll keineswegs eine moralische Verurteilung aller heimlichen Affären sein. Es hat nur keinen Zweck, die Augen im hormonvernebelten Romantik-Rausch vor den Fakten zu verschließen. Um es klar zu sagen: Ihre Gefühle und Ihre Bedürfnisse sind vollkommen in Ordnung. Genauso ist es in Ordnung, wenn Sie nach Wegen suchen, diese auszuleben. Sie haben allerdings die Wahl, ob Sie dies offen, ohne Lügen und Heimlichkeiten tun, oder ob Sie die Affäre im Verborgenen führen.

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