Warum Liebe stirbt

2. Beziehungskiller: Verteidigung als Kommunikationskiller

Das klingt paradox: Verteidigung soll schlecht sein? Hat nicht jeder, der sich angegriffen fühlt, das Recht auf Verteidigung?

Grundsätzlich schon. Doch nicht, wenn damit der erste apokalyptische Reiter, die Kritik, abgewehrt werden soll. Dann nämlich dient die Verteidigung nicht mehr einem gesunden Selbstschutz, sondern lockt gleich den zweiten apokalyptischen Reiter in Ihr Beziehungsleben: Verteidigung durch Gegenkritik.

Angenommen, Sie verteidigen sich gegen Kritik, die leichtsinnigerweise mit Killerformulierungen gespickt war. Zum Beispiel: »Immer muss ich die Urlaubsvorbereitungen alleine machen, wenigstens ums Auto hättest du dich mal kümmern können.« Derart angesprochen, reagieren Sie verständlicherweise verschnupft und kontern mit: »Was soll ich denn noch alles machen? Schließlich will der Spaß ja finanziert sein! Warum wohl schiebe ich seit fast einem Monat Überstunden?«

Klingt nicht wirklich kompliziert, ist es aber. Hier werden gleich mehrere Konflikte bunt durcheinander gewürfelt und als Wurfgeschosse benutzt. Ihre Partnerin hat das Gefühl, ganz allein einen Urlaub vorbereiten zu müssen, fühlt sich damit überfordert, von Ihnen im Stich gelassen ? und das offenbar nicht zum ersten Mal. Sie wiederum haben das Gefühl, dass Ihr Einsatz als beruflich geforderter Geldbeschaffer nicht gebührend anerkannt wird ? wie lange schon?

Die apokalyptischen Reiter wollen, dass Sie beide sich in ein aggressives Staccato aus Angriff und Verteidigung stürzen. Gegenangriffe, neue Verteidigung, neue Kritik, neue Gegenkritik, Eskalation. Plötzlich geht es nicht mehr um den Urlaub, sondern um Ihre Finanzen, Ihren Ehevertrag, den Sperrmüll im Keller und womöglich auch noch Ihr Sexleben. Ja, genau dorthin wollen die fiesen Reiter Sie locken! Dass Sie sich weg vom eigentlichen Problem bewegen und statt dessen Ihre gesamte Beziehung in Frage stellen.

Fallen Sie nicht darauf herein!

Statt wahllos immer neue Probleme anzupieksen und sich gegenseitig Vorwürfe zu machen, sollten Sie Ihren Stolz kurz beiseite legen und zurückrudern. Es geht nicht darum, wer Recht hat, sondern um ein offenes Gesprächsklima, in dem das eigentliche Problem diskutiert werden kann. Ohne die berittene Zerstörertruppe im Hintergrund.

Um bei dem Beispiel zu bleiben: Kehren Sie nicht den gestressten Großverdiener heraus, sondern sagen Sie, wie Sie sich fühlen. »Schatz, ich weiß, dass die ganze Planung an dir hängen bleibt, und ich finde das großartig von dir. Im Moment bin ich abends dermaßen k.o., dass ich noch keinen Nerv fürs Auto hatte. Außerdem mache ich mir Gedanken, ob unser Budget reicht.« 

Schon giften Sie sich nicht mehr an, sondern haben sich geöffnet und gesagt, worum es in Wirklichkeit geht. Um Ihr Rollenverständnis innerhalb Ihrer Beziehung, um etwaige finanzielle Sorgen und Ihren Energiehaushalt. Reden Sie darüber! Teilen Sie sich mit. Vielleicht finden Sie dabei auch heraus, warum sich ihre Partnerin so überfordert fühlt. An den Urlaubsvorbereitungen allein liegt es garantiert nicht ...

Genau hinschauen: Gibt es Gründe für Kritik und Verteidigung?

Sie beide lieben sich? Und Sie wollen sich weder gegenseitig in Grund und Boden kritisieren, noch verletzen oder mundtot machen? Also verpassen Sie den beiden finsteren Reitern einen herzhaften Tritt und schauen Sie sich an, an welchem Punkt Ihrer Beziehungskommunikation die Kerle ansetzen konnten. 

Lassen Sie das letzte Streitgespräch in Gedanken noch einmal ablaufen. Wenn Sie können, tun Sie das auch mit den vorherigen Auseinandersetzungen. Erkennen Sie ein Muster? Wiederholen sich bestimmte Formulierungen, Gefühlswallungen, Eskalations-Stufen? Finden Sie die Stelle, an der es jeweils kurz richtig wehtat, woraufhin nicht mehr Sie selbst, sondern die beiden Reiter die Gesprächsführung übernahmen? 

Wenn Sie es schaffen, diesen Moment herauszuarbeiten, dann finden Sie auch recht schnell den wahren Grund für die Aggression zwischen Ihnen beiden. Oft sammeln sich unausgesprochene Unzufriedenheiten an und produzieren einen unbewussten Druck, der sich ausgerechnet in einer Situation Bahn bricht, die rein gar nichts mit den ursprünglichen Ärgernissen zu tun hat. 

Nein, rollen Sie nicht mit den Augen, weil sich das so abgedroschen anhört. Spüren Sie dem Sachverhalt nach! Gerade weil es nach simpler Küchentischpsychologie klingt, glauben viele Paare, sie stünden darüber, und ihnen könne das nicht passieren. Doch, kann es! Sonst hätte das unschöne Wortgefecht aus Kritik und Verteidigung ja gar nicht stattgefunden. 

Die beiden Reiter attackieren übrigens nicht nur mit Worten Ihre Liebe. Auch nonverbale Kritik, z.B. Augenrollen, übertriebenes Seufzen, verständnisloses Kopfschütteln oder belustigtes Grinsen im falschen Moment können sehr verletzen. Achten Sie auf diese Kleinigkeiten! Tauchen Sie nur selten auf, ist alles in Ordnung. Aber wenn sie bereits zum Standard-Repertoire Ihrer Beziehungskommunikation gehören, gepaart mit ständiger Kritik und dem Gefühl, sich verteidigen zu müssen, dann laufen Sie Gefahr, dem dritten apokalyptischen Reiter die Zugbrücke herunterzulassen: der Verachtung.

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