Partnerwahl - wie wichtig ist die Attraktivität?

Partnerwahl – Wie wichtig ist die eigene Attraktivität?

Faszinierend, welche widersprüchlichen Aussagen sich in Omas Sprüchesammlung finden. Einmal heißt es »gleich und gleich gesellt sich gern«, dann wieder »Gegensätze ziehen sich an«. Ja, wie denn nun? Oder spielt Attraktivität bei der Partnerwahl am Ende keine Rolle, weil sowieso jeder Topf irgendwann seinen passenden Deckel findet?

Dr. Leonard Lee von der Columbia Business School ist kein Experte für Beziehungsanbahnung, sondern Marketingprofessor und wollte es genau wissen. Was angesichts der thematischen Verwandtschaft von Flirtverhalten und Werbung ja gar nicht so abwegig ist. Wichtigste Erkenntnis seiner Studie: Menschen, die nach kulturübergreifenden Standards als attraktiv gelten, also z.B. über ein symmetrisches Gesicht oder ausgeprägte weibliche bzw. männliche Merkmale verfügen, legen gesteigerten Wert auf Schönheit. Eine Partnersuche findet demnach überwiegend in der eigenen »Attraktivitäts-Liga« statt.

Die Schöne und das Biest funktioniert nur im Märchen

So richtig überraschend ist dieses Ergebnis nicht. Zusammengefasst bestätigt sich damit die jahrhundertealte These, nach der Menschen stets ihresgleichen suchen. Allerdings fand man in den letzten Jahren heraus, dass körperlicher Stress dieses Prinzip außer Kraft setzt. Schöne Menschen in Belastungssituationen legen bei der Partnerwahl nur geringen Wert auf äußerliche Attraktivität oder Ähnlichkeit. Hier gibt es Parallelen in der Tierwelt. Psychologen vermuten, dass unter Stress die lebenswichtigen Instinkte der Arterhaltung die Regie übernehmen. 

Zu diesem Schluss kommt auch Johanna Lass-Hennemann von der Universität Trier. Sie führte ein einfaches, aber überzeugendes Experiment durch: 50 Männer sollten sich Fotos nackter Frauen betrachten und spontan diejenigen auswählen, die sexuell am attraktivsten auf sie wirkten. Unter den Fotos befanden sich auch Motive, die durch ein Bildbearbeitungsprogramm verändert worden waren. In die Frauengesichter wurden optische Ähnlichkeitsmerkmale mit den Probanden integriert. 

Die Hälfte der Teilnehmer musste vor dem Betrachten eine Hand in Eiswasser halten, während die andere Hälfte in völlig entspanntem Zustand die Bilder anschauen konnte. Die Probanden mit der Hand im kalten Wasser standen messbar unter körperlichem Stress. Sie bevorzugten durchgehend die unveränderten Originalbilder der Frauen, während die entspannten Probanden sich für die manipulierten »Ähnlichkeitsfotos« entschieden. 

Daraus lassen sich wichtige Erkenntnisse ableiten: Wenn's drauf ankommt, die Gene zu streuen und Krisensituationen zu meistern, spielt die Ähnlichkeit bei der Partnerwahl keine Rolle, sondern es geht darum, das eigene Erbgut an möglichst unterschiedliche Partner zu verteilen. In entspannten Situationen leisten wir uns den Luxus, uns Partner zu suchen, in denen wir uns optisch wiederfinden. 

Attraktivität – eine Frage der Tagesform?

In ausgeglichenem Zustand empfinden wir Menschen, die uns ähnlich sehen, als attraktiv, während wir unter Stress das genaue Gegenteil bevorzugen. Damit wäre endlich das Rätsel gelöst, warum wir uns manchmal zu One Night Stands mit Bekanntschaften hinreißen lassen, die bei der Partnerwahl normalerweise indiskutabel wären. 

Spontane One-Night-Stands entstehen in Ausnahmesituationen. Alkohol, Adrenalin, viele Gründe zu Feiern ? oder genau das Gegenteil. Kummer, Wut, Frust, vielleicht ein Beziehungsstreit, Ärger mit Freunden oder auch Belastung im Job. In solchen Situationen spielen optische Ähnlichkeit und Schönheit eine untergeordnete Rolle, sondern wir reagieren auf weit weniger schöngeistige Anziehungskräfte. Fremde Energie, eine gewisse Grobheit, spürbare Gegensätze zum eigenen Wesen. Manchmal genießen wir sogar das Gefühl, Sex mit jemandem zu haben, der »unter unserem Niveau« liegt. (Schütteln Sie nicht empört mit dem Kopf. Sie wissen genau, dass es so ist.)

Ähnlichkeit erzeugt Vertrauen

Dass wir unsere eigene Attraktivität als Maßstab bei der Partnerwahl anlegen, hat noch einen triftigen Grund. Wir werden schon als Kinder darauf geprägt, dass wir zu Menschen, die uns ähneln, schneller Vertrauen fassen als zu Fremden. Das gilt sogar, wenn wir zu Eltern und Verwandten keineswegs warmherzige Beziehungen geführt haben. Hier gilt: Blut ist dicker als Wasser. Wenn wir in einem ersten Date oder einem Foto jemanden sehen, der jemanden aus dem kindlichen Bezugspersonenkreis oder uns selbst ähnelt, fühlen wir uns automatisch zu ihm hingezogen. Was dazu führt, dass attraktive Menschen auch attraktive Partner bevorzugen. Umgekehrt entwickeln Männer, die sich selbst als weniger attraktiv empfinden, regelrechte Panik beim Anblick schöner Frauen und orientieren sich an optisch durchschnittlicheren Frauen. Folgt man der These der kindlichen Prägung, erscheint das logisch – vermutlich gab es im Umfeld des Jungen keine überdurchschnittlich schönen Frauen als vertrauenswürdige Bezugspersonen.

So aufschlussreich diese Thesen auch sind, eines dürfen wir bei der Partnerwahl nicht vergessen: Jeder ist immer nur so attraktiv wie sein Wesen. Selbst das schönste Gesicht wirkt gänzlich unattraktiv, wenn sich mit den Jahren eine charakterliche Hässlichkeit darin manifestiert. Und ein durchschnittliches Gesicht kann wunderschön wirken, wenn es Lebensfreude und Warmherzigkeit widerspiegelt!

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