Große Liebe

Große Liebe – Wie finde ich den Partner fürs Leben?

Bei vielen Lesern dürfte diese Frage einen spontanen Kitschalarm auslösen. Den Partner fürs Leben finden, womöglich gar die Liebe fürs Leben – sind das nicht viel zu große Vokabeln im Jahr 2014? Nennt man das heute nicht ganz cool »Lebensabschnittsgefährte« oder »Teilzeitpartner«?

Nehmen wir die Bezeichnung doch einfach mal wörtlich: ein Partner fürs Leben. Also ein Mensch, der uns so viel bedeutet, dass wir mit ihm leben wollen. Es spielt keine Rolle, ob dieser Mensch nun jemand ist, der uns zufällig irgendwo begegnet, das Ergebnis einer ausgeklügelten Suche via Partnervermittlung oder ein langjähriger Freund, bei dem es à la Klaus Lage »Tausendmal berührt« plötzlich »Zoom« macht. Es geht um dieses tiefe, sanfte Gefühl, das signalisiert, ja, mit diesem Menschen möchte ich mein Leben zusammen gestalten und genießen. Klingt schon gar nicht mehr so kitschig, sondern recht bodenständig.

Happy End mit Mr. & Mrs. Right: ein Mythos?

Es gibt Single-Frauen, die viele Jahre ihres Lebens darauf verschwenden, nach dem Traummann auf dem weißen Pferd zu suchen, auf ihn zu warten, zu hoffen - und dabei einen attraktiven Kandidaten nach dem anderen in die Wüste schicken. Auch bei Single-Männern kennt man diese partielle Herzensblindheit, die sie rastlos von einem Abenteuer ins nächste stolpern und die »Frau fürs Leben« einfach übersehen lässt. 

Dieses von außen betrachtet absurde Verhalten rührt daher, dass sich viele bei der Partnersuche auf eine abstrakte Idealvorstellung fixieren. Jeder neue, potenzielle Partner wird mit diesem Idealbild verglichen – und schneidet zwangsläufig schlechter ab. Die Realität, egal in welcher Gestalt die daherkommt, kann es niemals mit einem ausgefeilten, über Jahre hinweg kultivierten Wunschbild aufnehmen. Die Verbissenheit und das Festhalten am erträumten Ideal geht so weit, dass selbst beim Online-Dating keine Abweichung vom Traumbild zugelassen wird. 

Gehören Sie auch zu den Datern, die Anfragen, welche außerhalb ihres Wunschprofils liegen, noch nicht einmal anschauen? Oder sich im realen Leben in bestimmten Kneipen, Wohngebieten oder Städten nicht anflirten lassen, weil das dortige Klientel nicht Ihrer Vorstellung entspricht? Sie würden als Akademiker niemals eine Beziehung mit jemandem in Erwägung ziehen, der als Kfz-Mechaniker, Künstler oder Fernfahrer arbeitet? Ein glatzköpfiger Partner kommt ebenso wenig in Betracht wie jemand mit einer anderen Religion? Mit Einzelkindern haben Sie`s nicht so, mit schrägem Jazz, scharfem Essen und Dialekten auch nicht, und eine Beziehung mit einem Katzen-, Hunde- oder Karpfenbesitzer kommt auch nicht in Frage?

Dann sind Sie eventuell ein Sklave Ihrer eigenen Wunschvorstellung geworden. Wenn Sie mit derart vielen Ausschlussklauseln durch die Welt gehen, brauchen Sie auf die große Liebe nicht zu warten, denn die lässt sich bei diesen Vorbehalten nicht blicken. Das glauben Sie nicht? Dann ziehen Sie doch einmal kurz ein Fazit, wie weit Sie Ihre bisherige Strategie in Sachen Liebe gebracht hat ...

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Das hier soll kein zynisches Plädoyer für die Abschaffung romantischer Liebe werden! Die wahre, große Liebe, bei der einfach alles stimmt, die gibt es. Wer sie gefunden hat, wird an dieser Stelle milde lächeln und nicken. Wer nicht, zieht vielleicht die Augenbrauen hoch und fragt: Ja toll, wenn es sie gibt, was soll ich denn machen, um sie zu finden?

Überlisten Sie Ihr Beuteschema

Mirko, 32, Grafikdesigner und unfreiwilliger Single, versteht die Welt nicht mehr, als er diesen Satz hört. Nachdem eine weitere Kurzbeziehung unglücklich endete, trifft er sich mit seiner besten Freundin Sonja in der Lieblingskneipe zur alkoholgeschwängerten Herzschmerz-Diskussion. Noch während er mit leidender Miene seine jüngsten Frauengeschichten bilanziert und sich wundert, warum denn alle mit einem Mini-Drama enden mussten, platzt Sonja der Kragen, und sie sagt jenen bedeutungsschweren Satz. 

Was Mirko seit Jahren nicht bewusst ist, scheint für Sonja offensichtlich: Er sucht sich mit schlafwandlerischer Sicherheit immer genau den Typ Frau für seine Romanzen, mit dem es garantiert schiefgeht: die selbstbewusste, etwas spröde, einige Jahre ältere Karrierefrau mit Vorliebe für tiefschürfende Gespräche, Esoterik, BDSM-Sex, exotische Partys und konkreten Lebenszielen, was Selbstverwirklichung und Beruf angeht. 

Klingt zunächst gut. Weniger gut ist, dass alle seine Kandidatinnen eine handfeste Macke in puncto Selbstwertgefühl aufweisen. Die plakative Selbstsicherheit der Single-Frauen ist nicht echt, sondern aufgesetzt. 

Sonjas Fazit nach zehn Jahren Freundschaft und über hundert miterlebten Mini-Dramen: Mirko datet vorzugsweise psychisch labile Frauen, die sich hinter einer allzu starken Fassade verstecken. Was zwangsläufig zu Problemen führen muss, denn Mirko ist weder Hobbytherapeut noch besitzt er Sinn für Dramen. Dennoch lässt er sich immer wieder mit Teilzeitfreundinnen ein, die ihm nach kürzester Zeit einen Grund liefern, den Kontakt wieder zu beenden, bevor er auch nur ansatzweise zu einer Beziehung werden kann.

Dabei träumt Mirko eigentlich von einer warmherzigen, offenen, unkomplizierten Kumpelfrau zum Pferdestehlen. Dass Sonja exakt so eine Frau ist, scheint er aus unerfindlichen Gründen nicht wahrzunehmen.

Warum geht es immer wieder schief?

Sonja vermutet, dass Mirko sich in Wahrheit gar nicht binden will. Und genau deshalb unbewusst diese komplizierten, anstrengenden Frauen datet, mit denen es schiefgehen muss. Die Erklärung ist laienhaft, aber gar nicht so verkehrt. Auch Beziehungspsychologen kennen dieses Muster. Die falschen Partner daten, flüchtigen Spaß genießen und bevor es ernst wird, das Ganze wieder beenden, weil es ohnehin nicht passt – dieses Verhalten ist ein hochwirksamer Schutz vor einer zu engen Bindung!

Umgekehrt gibt es auch Single-Frauen, die regelmäßig die falschen Männer daten. Anders als bei Mirko liegt bei vielen Frauen keine Bindungsangst, sondern oft ein unerkannter Cinderella-Komplex vor. Single-Frauen, die unter einem schwachen Selbstwertgefühl leiden und ihren Selbstwert unmittelbar abhängig von der Zuneigung eines Mannes machen, neigen dazu, sich immer wieder mit bindungsunfähigen Männern einzulassen. Das Muster ist offenkundig: Frau will bestätigt und auf geradezu kindlich-bedingungslose Weise geliebt, gerettet und umsorgt werden, sucht sich dafür aber Männer, die nur unverbindlichen Spaß und ansonsten ihre Ruhe haben möchten. Frauen mit einem Cinderella-Komplex inszenieren bei der Partnersuche immer wieder die schmerzhafte Erfahrung der Zurückweisung. Vielleicht die Re-Inszenierung eines alten Traumas, vielleicht einfach nur tiefe Unsicherheit. In jedem Fall erfolgt die Partnerwahl ebenso wie bei Mirko nicht bewusst, sondern wie fremdgesteuert durch ein ungesundes Beuteschema.

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