Neuanfang statt Trennung

Neuanfang statt Trennung – In 5 Schritten kann es klappen!

Das Undenkbare ist geschehen: Es hat geknallt. Diesmal war es kein harmloser Knatsch um Nebensächlichkeiten, sondern ein hässlicher Streit, der an die Basis geht. Ein Bruch ist entstanden. Es herrscht kaltes Schweigen, Wut, Distanz.

Beide spüren: Eine Trennung ist nicht mehr unvorstellbar. Sie steht als durchaus realistische Option im Raum. Beiden geht es mit dieser Perspektive hundeelend, weil sie sich kaum noch wiedererkennen. Was ist aus den zwei Menschen geworden, die einmal so verliebt, so glücklich miteinander waren? Wie konnte es dazu kommen? Lässt sich die Beziehung retten? Hat die Ehe noch eine Chance?

Ob der Auslöser nun ein Seitensprung war, das Auffliegen einer heimlichen Affäre, eine schleichende Entfremdung oder einfach eine verdrängte unterschwellige Dissonanz im Alltag: In der »fünf vor zwölf«-Phase genügt ein kleiner Funke, um das Pulverfass explodieren zu lassen. Ein Pulverfass, das über lange Zeit hinweg von beiden Beteiligten mit Sprengstoff gefüllt wurde. Deshalb geht es hier auch nicht um Schuldzuweisungen, sondern darum, einen Ausweg aus dem emotionalen Supergau zu finden.

Schritt 1 zum Neuanfang: Waffenstillstand 

Zugegeben, direkt nach einem handfesten Streit ist keiner gewillt, sich ruhig und vernünftig an den Tisch zu setzen und zu reden. Da sind verletzter Stolz, gekränkte Eitelkeit, Seelenschmerz. Lassen Sie die erste Wut und Aufregung ein paar Tage verrauchen. Sobald Sie sich in der Lage dazu fühlen, reden Sie über den Neuanfang. Keine Sorge, das ist keine Prüfungsaufgabe, Sie können dabei nicht viel falsch machen. Sie sollten vorher nur eine kleine Vereinbarung treffen: dass Sie beide gewillt sind, den Gedanken an die Trennung erst einmal zur Seite zu schieben und sich miteinander befassen wollen. 

Es mag naiv klingen, aber Paartherapeuten empfehlen hier ein kleines Ritual. Schreiben Sie Ihren Entschluss auf ein Blatt Papier. Zum Beispiel: »Ja, ich will unsere Beziehung retten«. Kleben Sie ein Foto dazu, das symbolisch für eine glückliche Paarzeit ist. Vielleicht aus einem Urlaub, in dem Sie sich miteinander wohl gefühlt haben? Oder aus Ihrer ersten Verliebtheitsphase? Unterzeichnen Sie den Zettel beide mit vollem Namen und hängen Sie ihn an den Kühlschrank oder die Pinnwand. Wenn die verletzten Gefühle mit Ihnen durchgehen wollen, erinnern Sie sich an dieses Bekenntnis. Dann schwindet auch der Drang, sich mit unnötigen Beleidigungen Luft machen zu wollen. 

Falls Sie dennoch einmal laut werden wollen, nur zu. Die Stimme zu erheben ist menschlich und manchmal notwendig. Lieber einmal ausrasten als ständig mit kleinen Gemeinheiten und Sticheleien den Konflikt am Köcheln halten. Verzichten Sie aber bitte auf »Schlappschwanz«, »Schlampe«, »Arschloch«, »Versager«, »Betrüger« und ähnlich charmante Bezeichnungen. Sie sind wahre Gesprächskiller und lassen sich hinterher nur schwer wieder aus der Welt schaffen. Sagen Sie, was Sie wollen ? und bleiben Sie oberhalb der Gürtellinie.

Schritt 2: Ursachenforschung

Der Hamburger Paar- und Familientherapeut Hartwig Hansen sagt: »Beziehungspflege fängt immer bei einem selbst an. Umgekehrt lässt sich daraus ableiten: Beziehungsprobleme können ihren Ursprung in mangelnder Selbstliebe haben.

Klingt egoistisch, ist aber ein konstruktiver Gedankengang. Wie kam es zum Seitensprung? Wann begann das Schweigen zwischen Ihnen? Ab welchem Zeitpunkt empfanden Sie die liebenswerten Macken Ihres Partners, in die Sie sich einst verliebt haben, nur noch als nervig? Wann fiel Ihnen zum ersten Mal auf, dass in Ihrer Ehe etwas nicht stimmt?

Schreiben Sie es auf. Sie werden feststellen, dass das zeitliche Aufdröseln erstaunliche Synchronizitäten zutage fördert und Sie beide Ihre Beziehungshistorie ähnlich erlebt haben. Das ist nicht nur bei Ihnen so, sondern absolut typisch. Deshalb wäre es auch sinnlos, die Umstände angesichts eines aktuellen Aufregers (Seitensprung, Überstunden, Vernachlässigung, etc.) sofort in Gut-Böse- bzw. Täter-Opfer-Kategorien einzuteilen. In den seltensten Fällen liegt die Ursache des großen Knalls allein im Verhalten eines Partners begründet. Haben Sie zu lange zurückgesteckt? Sich selbst vernachlässigt? Zugunsten von Ehe und Familie darauf verzichtet, Konfliktherde und Probleme anzusprechen? Nach dem Motto »wenn ich es nicht sage, ist es auch nicht da«? Haben Sie auf die Erfüllung eigener Bedürfnisse verzichtet? Oder haben Sie sich gar schleichend in eine Parallelwelt abgekapselt, bestehend aus Job, außerehelichen Affären und intensiven Gesprächen mit allen möglichen Menschen, nur nicht mit dem Partner? Weil Sie unbewusst dort das zu finden hofften, was Ihnen in Ihrer Ehe fehlt?

Schritt 3: Aussprache wörtlich genommen

Eine Aussprache ist kein Einzelgespräch, nach dem Sie zur Tagesordnung übergehen können, sondern ein längerer Prozess. Sie möchten zusammenbleiben? Ihre Ehe retten? Einen Neuanfang versuchen? Und Sie sind bereit, die Frage, wer denn nun »schuld« ist, unbeantwortet zu lassen?

Dann denken Sie das nicht nur still, sondern sagen Sie es Ihrem Partner, so deutlich wie es nur geht. Es ist wichtig, dass Sie sich das gegenseitig zeigen. Vermitteln Sie sich, dass Sie den Neuanfang wirklich von ganzem Herzen wollen. Zweifel sind das Letzte, was Sie brauchen können ? und das Erste, was für einen Rückzug oder neue Streits sorgt. 

Sie werden in nächster Zeit einige vermeintliche Konstanten in Ihrem Leben neu bewerten. Ob nun sexuelle Themen, den allgemeinen Tagesablauf oder Ihre Rollendefinitionen innerhalb der Familie. Das kann verstörend sein, wenn dazu noch nagende Zweifel kommen, ob der Partner überhaupt mitzieht. Da genügt das kleinste Missverständnis, und die Trennungsdiskussion à la »hat doch alles keinen Zweck mehr« ist wieder in vollem Gange.

Vereinbaren Sie regelmäßige Termine, zu denen Sie sich zusammensetzen und reden. Nicht zwischen Tür und Angel. Nehmen Sie sich Zeit, stöpseln Sie das Telefon aus, lesen Sie zwischendurch keine Mails. Ganz wichtig: Reden Sie nicht stundenlang über Außenstehende, z.B. einen Ex-Seitensprung, nervige Kollegen oder jemanden, auf den Sie eifersüchtig sind. Bleiben Sie bei sich. Nichts ist jetzt wichtiger als Sie beide.

Sprechen Sie sich aus. Ohne bohrende Fragen und Vorwürfe. Erzählen Sie sich gegenseitig, wie es Ihnen geht. Vermitteln Sie Ihrem Partner Ich-Botschaften. Also keinesfalls: »Du Arsch hast mich betrogen, du kannst froh sein, wenn du noch eine Chance von mir bekommst, ich verlange von dir ...«. Sondern: »Ich bin ungeheuer verletzt. Ich verstehe nicht, wie es dazu kommen konnte, dass du mich so anlügst. Was hat dich dazu gebracht?«

Schritt 4: Kontaktsperre mit Affärenpartnern

Ein heikles Thema. Paartherapeuten rollen schon mit den Augen, wenn sie die Beteuerungen von ertappten Fremdgängern hören: »Die Affäre ist doch vorbei, wir sind jetzt gute Freunde. Dieser Mensch ist so wertvoll für mich, ich möchte diesen Kontakt nicht beenden.«

Fürs Protokoll: Eine Affäre kann, wenn überhaupt, nur nach längerer Funkstille in eine Freundschaft umgewandelt werden. Der Wunsch nach einem nahtlosen Übergang ist ein beliebtes Hintertürchen für weitere heimliche Sextreffen, sobald sich die Wogen zuhause geglättet haben. Je romantischer und dramatischer die Notwendigkeit des Kontakts beschrieben wird, umso sicherer kann sich der betrogene Partner sein, dass da weiterhin etwas laufen soll. Wer erklärt, seine Beziehung retten zu wollen, sollte unter allen Umständen den Kontakt zum Affärenpartner abbrechen. Dies kann in einem klärenden Gespräch geschehen, per Mail oder telefonisch, aber es muss sein. Nicht verhandelbar. 

Sollte es sich tatsächlich um einen freundschaftsfähigen Menschen handeln, wird er verstehen, dass die Ehe Priorität genießt und einverstanden sein, dass die Kommunikation in ein paar Monaten eventuell wieder aufgenommen wird. Allerdings nicht heimlich, sondern mit Wissen des Partners!

Wer den Kontakt zum Affärenpartner weiterpflegt, während z.B. eine Eheberatung oder Paartherapie durchgeführt wird, sabotiert nicht nur die Basisbeziehung, sondern lügt sich und dem Partner in die Tasche. Hier gilt: entweder, oder. Klartext: Wenn Sie Ihren Affärenkontakt nicht aufgeben wollen, dann sagen Sie das fairerweise Ihrem Partner und geben Sie ihm die Chance zu wählen, ob er in einer »Ehe zu Dritt« leben möchte oder nicht.

Schritt 5: Gemeinsamkeiten und Perspektiven entwickeln

Regina und Paul, beide 36, sind das, was man ein Traumpaar nennt. Beides »Alphatierchen«, beruflich sehr erfolgreich. Seit einem Jahr sind sie Eltern. Alles hat sich verändert. Paul als fest angestellter Programmierer arbeitet so viel wie nie zuvor und überlässt seiner Frau die Betreuung der gemeinsamen Tochter. Regina wiederum arbeitet kaum noch als freie Grafik-Designerin, weil die Mutterpflichten ihr keine Zeit lassen. Sie fühlt sich auf dem Abstellgleis, auf die Mutterrolle reduziert, unglücklich.

Ihre Freundinnen haben kein Verständnis, sondern kritisieren sie als egoistisch. Regina weiß nicht weiter. Sie will Paul damit nicht belasten, sondern frisst den Frust in sich hinein. Bis sie eines Tages explodiert, als Paul wieder einmal erst um Mitternacht aus dem Büro kommt. Auslöser war eine Abendessen-Verabredung für 20.00 Uhr in der heimischen Küche, für die Regina ein aufwendiges Dinner vorbereitet hat. 

Bis vier Uhr früh sitzen die beiden in der Küche und werfen sich alles an den Kopf, was sie in den letzten 12 Monaten genervt hat. Dabei kommen erschreckende Fakten ans Licht. Paul nimmt seit Monaten heimlich Psychopharmaka, um den gewaltigen Stress und das Mobbing in der Firma aushalten zu können. Regina hat Aggressionen gegen Paul und das Kind entwickelt, weil sie beide für ihren Frust verantwortlich macht. Paul denkt, Regina hätte sich von ihm als Partner distanziert und sähe in ihm nur noch den Ernährer. Regina ist am Ende und will keinen Tag als »hauptberufliche Alleinerziehende« weitermachen. Zu allem Überfluss hat Paul mit seinem Wertpapierdepot fast 10.000 Euro Verlust eingefahren, ohne Regina davon zu erzählen. Beide haben über ihre Frustration geschwiegen, aus Scham und Angst, den ohnehin schon großen Stress noch zu verschlimmern. 

Nach einer Woche voller Streit und Schmollen treffen beide eine Entscheidung, die ihr Leben von Grund auf verändert. Paul kündigt seinen festen Job und arbeitet künftig wie Regina freiberuflich. Gemeinsam gründen sie ein Designbüro, das IT- und Grafik-Dienstleitungen unter einem Dach anbietet. Als Büro dient für den Anfang das große, ungenutzte Gästezimmer. Regina steigt wieder in ihren Beruf ein und teilt sich mit Paul die Kinderbetreuung. Beide können sich Arbeitszeit und Freizeit so einteilen, dass ihr Beziehungsleben dabei nicht auf der Strecke bleibt. Auch finanziell rechnet sich die Kurskorrektur: Da Paul künftig mit seinen Kunden stundenweise abrechnet, statt als Angestellter unbezahlte Überstunden und Wochenenddienst zu leisten und Regina vom ersten Tag an gut gebucht ist, bleibt am Monatsende sogar mehr übrig. Und das ehemalige Gästezimmer lässt sich als Büro von der Steuer absetzen. 

Dies ist nur ein Beispiel, wie festgefahrene Muster eine Beziehung schädigen können. Nun könnte man sagen, was für ein Leichtsinn, einen gutbezahlten Job zu kündigen und sich selbständig zu machen. Natürlich, es gehört ein wenig Mut dazu. Doch was ist wichtiger: gemeinsame Perspektiven oder ein vermeintlich sicherer Job, der Gesundheit, Familie und die Beziehung zerstört? 

Gesunde Balance aus Nähe und Distanz finden

Nach einem schlimmen Streit oder einer vorübergehenden Trennung gibt es zwei typische Verhaltensmuster: übertriebenes Nähesuchen und übertriebene Distanz. Letzteres geschieht meist aus Verlustängsten heraus und der Furcht davor, erneut verletzt zu werden. Der Wunsch nach sehr viel Nähe ist ebenso verständlich. Sie fühlt sich schön an und scheint den hässlichen Bruch schneller heilen zu lassen. Wundern Sie sich nicht, wenn Sie je nach Tagesform zwischen diesen beiden Extremen hin und her springen wie eine Flipperkugel. Das gehört zum Heilungsprozess. 

Zur Erinnerung: Beziehungspflege fängt bei einem selbst an. Dazu gehört auch, dass Sie sich gegenseitig mitteilen, wie es Ihnen geht. Achten Sie darauf, dass Ihre eigenen Befindlichkeiten und Bedürfnisse nicht (wieder) unausgesprochen bleiben, sonst ist es nur eine Frage der Zeit, bis es erneut zum großen Knall kommt. Um noch einmal Hartwig Hansen zu zitieren: »Von allein hat sich noch keine Beziehung eingerenkt. Verabreden Sie sich zu einem Austausch. Sprechen Sie über ihre Wünsche. Ohne sie als Forderung zu formulieren. Erzählen Sie von sich und vermeiden Sie Vorwürfe.« In diesem Sinne: Bleiben Sie bei sich!

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